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Sinja Leemann

Sinja Leemann im Nati-Dress         |         Bild: zvg
Sinja Leemann im Nati-Dress | Bild: zvg

Wir treffen Sinja Leemann am See in Rapperswil. Beim Interview erfahren wir sehr viele spannende Dinge von der jungen Hockeyspielerin, die bereits mit 17 Jahren extrem viel zu erzählen hat. Sie spielt bei der U17 Jungs-Mannschaft der SCRJ Lakers und beim Frauenteam des SC Weinfelden in der Women's Hockey League, der höchsten Schweizer Frauen-Liga. Sie gehört auch zum Kader der U18- und A-Nationalmannschaft.

 

 

                        «ICH WEISS NICHT, WAS FREIZEIT BEDEUTET»

 

 

Wie sieht eine typische Woche von dir aus?

Ich arbeite montags, donnerstags und freitags bei den Lakers im Büro. Dienstags und mittwochs habe ich jeweils Berufsschule. Nach dem Arbeiten und nach der Berufsschule gehe ich direkt ins Training. Am Wochenende bestreite ich die anstehenden Spiele. Ich habe ungefähr 4-6 Trainings und 1-2 Spiele pro Woche.

 

 

Wie läuft es mit der Berufsschule ab?

Ich kann ein Gesuch einreichen für die Hockey-Termine. Solange ich gute Noten erbringe, haben sie Verständnis.

                    

                                                                                                    

Bleibt auch Zeit für Ferien?

2 Wochen im Sommer. Ich war eine Woche in Ibiza und eine Woche zu Hause. Eigentlich habe ich nur 5 Wochen Ferien im Lehrbetrieb, welche für die Hockeycamps drauf gehen. Ich bin dankbar für den «Goodwill» des Lehrbetriebs.

 

 

Hast du neben Arbeit und Hockey überhaupt noch Freizeit?

In der Lehre muss man auch noch ziemlich viel lernen am Abend. Ich weiss nicht was Freizeit bedeutet. Vielleicht einmal mit Kollegen an den See oder fein essen gehen, aber während der Saison habe ich fast keine Zeit für solche Aktivitäten.

 

 

Wie ist es mit dem Essen?

Wir haben einen Essensplan vom Trainer erhalten, jedoch ist die Ernährung nicht meine Stärke. Ich liebe Döner und gehe gerne in den McDonalds. Es ist aber nicht täglich und grundsätzlich esse ich gesund.

 

 

Wird es dir nie zu viel? Du hast die ganze Woche nur mit Hockey zu tun?

Abschalten kann ich auf dem Eis beim Hockey spielen.

 

 

       «ICH KANN AUCH MAL EINEN CHECK AUSTEILEN»

 

 

Wieso spielst du bei den Jungs?

Man beginnt bei den Jungs. Sie sind körperlich besser, deshalb kann man dort viel mehr profitieren. 

 

 

Was bringt es dir mit den Frauen zu spielen?

Du kannst eine Leaderfunktion übernehmen auf dem Eis. Aber dort muss ich aufpassen, weil wir nicht checken dürfen. Deshalb kassiere ich manchmal zu viele Strafen. Bei Weinfelden sind wir ein junges Team, das ist lässig.

 

 

Wirst du bei den Jungs benachteiligt oder bevorzugt?

Weder noch. Ich mache im Training das genau gleiche. Ich bin gut integriert. 

 

 

Wie sieht es bei Checks aus?

Ich kann auch gut mal einen Check einstecken und manchmal auch einen austeilen.

 

 

Gibt es Eifersucht von Jungs, wenn du besser bist als sie?

Wenn ich einmal schneller bin oder einen Check austeile, dann haben sie schon nicht sehr viel Freude, aber sie können damit leben.

 

 

Was ist der Unterschied zwischen Frauen und Juniorenhockey?

Körperkontakt. Bei Jungs sind es eher Checks, Frauen arbeiten mehr mit dem Stock. Jungs sind athletischer und schneller und haben schärfere Schüsse.

 

 

Hat eine Frau keine Chance, als Feldspielerin in der MySports League zu spielen?

Ich glaube ich hätte keine Chance. Da ist man körperlich zu unterlegen.

 

 

Bei den Männern ist Grösse und Gewicht sehr entscheidend. Wie sieht das bei den Frauen aus?

Es ist weniger entscheidend. Aber es gibt schon Vorteile - ich musste an der WM gegen Hillary Knight spielen und dann merkt man das (Anmerkung: die Amerikaner ist 1.80m und 78kg).

 

 

                        «EIN GEBROCHENER FINGER IST NICHT SO SCHLIMM»

 

 

Wo siehst du deine Stärken als Hockeyspielerin?

Bei den Jungs kann ich das Spiel besser lesen und bin dadurch am richtigen Ort. Bei den Frauen sind Schlittschuhfahren und Schnelligkeit meine Stärken und mein Schuss ist auch ganz okay.

 

 

Welches war dein schönstes Erlebnis als Hockeyspielerin?

Meine erste A-Weltmeisterschaft. Ich hatte viel Eiszeit und konnte viel profitieren.

 

 

Wie sieht es in 5 Jahren aus?

(überlegt) Dann bin ich 22. Hoffentlich habe ich die Olympischen Spiele erlebt und bin vielleicht schon in Übersee. Ich hoffe, dass ich gesund bin und keine schweren Verletzungen erlitten habe.

 

 

Wie sieht es mit Verletzungen aus?

Ich hatte einen Finger gebrochen, aber das war nicht so schlimm. Die schlimmste Verletzung war eine Rückenverletzung, welche starke Schmerzen verursachte und mich für längere Zeit vom Training ausfallen liess. 

 

 

Wie läuft es mit der U18-Nati und der A-Nati?

Anfang Saison gibt es Leistungstests, danach Camps alle 2 Monate, U18-Spiele gegen Novizen und natürlich die WM-Turniere.

 

 

Bringt das Kosten mit sich?

Bis zur U16 mussten wir zahlen, ab der U18 ist es dann bezahlt. Meine Eltern haben mich immer gerne unterstützt. Nun bekommen wir Kleidung und Nahrung, dazu steht eine Masseurin zur Verfügung. Bei der U18-WM wird die Ausrüstung teilweise zur Verfügung gestellt, aber zum Beispiel für Stöcke muss man selbst aufkommen.

 

 

Und bei der A-WM?

Wir haben zum ersten Mal etwas Geld verdient. Zudem kriegen alle Teams Kleidung. 

 

 

                        «SCHELLING HAT EIN MEGA SCHÖNES LACHEN»

 

 

Bei der letzten A-WM hatte die Schweiz ein sehr junges Team. 

Ich finde es gut, dass man auf die Jungen setzt. Viele waren zum ersten Mal dabei. Nach Olympia hören jeweils ziemlich viele auf, deshalb kamen viele Junge nach, was langfristig ein Vorteil ist.

 

 

Florence Schelling ist das Gesicht des Schweizer Frauen Eishockeys. Was ist deine erste Erinnerung? 

(lacht) Ihr Lachen. Sie hat ein mega schönes Lachen. Persönlich habe ich sie erst in der U18 kennengelernt (Anmerkung: Schelling ist U18-Coach). Sie ist eine grossartige Trainerin. Ein aufgestellter Mensch, der dir ganz viele Tipps geben kann.

 

 

Was bedeutet ihr Rücktritt als Spielerin für das Frauenhockey?

Sie ist immer noch präsent und setzt sich immer noch ein für das Frauenhockey. 

 

 

                        «BEIM HOCKEY ERWARTET MAN CHECKS UND SCHLÄGEREIEN»

 

 

Bist du froh, dass du nicht so bekannt bist wie die Hockeyspieler bei den Männern?

Ja, ich bin froh, dass man nicht so bekannt ist.

 

 

Was wäre schön, wenn es im Frauenhockey gleich wäre wie bei den Männern?

Es wäre cool, wenn man auch im Frauenhockey verdienen könnte. Und wenn wir mehr gefördert würden. 

 

 

Ist die Förderung eine Geldfrage?

Ja. Nicht alle Eltern sind bereit, dieses viele Geld zu zahlen. Sie müssen auch viel Zeit investieren, um die Kinder herumzufahren.

 

 

Wo wäre mehr Gleichberechtigung im Hockey wünschenswert?

Frauenspiele werden nicht im Fernsehen übertragen. Es ist zwar verständlich, dass das Zuschauerinteresse kleiner ist, aber zum Beispiel der Cupfinal sollte definitiv übertragen werden.

 

 

Stören dich abschätzende Kommentare gegenüber Frauenhockey?

Das stört mich nicht gross.

 

 

Hast du eine Antwort?

Man kann es nicht mit Männerhockey vergleichen. 

 

 

Sind es zwei verschiedene Sportarten? 

Es ist ein anderes Spiel. Man erwartet beim Hockey oft Checks und Schlägereien. Frauenhockey ist anders.

 

 

Spielerisch und taktisch ist Frauenhockey eigentlich spannender?

Ja, das stimmt. In der Nati setzen wir auf Taktik. Wir müssen auf den Gegner reagieren. Bei den Männern auf U17-Stufe wird stark auf das Physische fokussiert.

 

 

«EISKUNSTLAUF HAT MIR NICHT GEPASST»

 

 

Was für Ziele hat man, wenn du als Mädchen mit Hockey beginnst?

Seit ich klein war wollte ich in der Nationalmannschaft spielen. Und das grösste Ziel ist, an Olympische Spiele zu gehen. 

 

 

Wie kamst du zum Hockey?

Meine Nachbarn waren in der Hockeyschule, da waren mein Bruder und ich immer dabei. Mit 3 Jahren war ich ein Jahr beim Eiskunstlauf, das hat mir nicht gepasst und dann habe ich zum Hockey gewechselt. 

 

 

Wer hatte den grössten Einfluss auf dich bezogen aufs Hockey?

Ich kann keinen Namen nennen, denn ich wollte es immer von mir aus machen und niemand hätte mich beeinflussen können.

 

 

Was bringt dir Bestätigung?

Wenn du ein Nati-Aufgebot siehst, dann bist du stolz darauf und hast den Ansporn, noch mehr zu machen. Ich finde es auch schon cool, wenn ich an einem Buben vorbeifahren kann oder ein paar Goals erziele.

 

 

Du bist oft weg von Zuhause oder allein. Bist du deshalb reifer als andere in deinem Alter?

Ich denke, dies kommt immer auf die Person an. Früher war ich sehr schüchtern. Irgendwann habe ich diese Schüchternheit ablegen können. Es hilft sicher, sich zu entwickeln und selbstständig zu werden.

 

 

Schaust du auch Hockey als Zuschauerin?

Die WM oder Olympia. Manchmal auch die Liga im Stadion oder im Fernsehen, meistens Rappi oder Davos.

 

 

Bist du beim Hockey schauen immer am Analysieren?

Nein, ich schaue ganz normal und geniesse es, zuzuschauen.

 

 

Interessierst du dich für andere Sportarten?

Nein. Vor allem nicht für Fussball.

 

 

«ICH HABE SCHON ANFRAGEN AUS AMERIKA BEKOMMEN»

 

 

Kannst du selbst entscheiden, ob du bei den Lakers spielst oder bei Weinfelden?

Ich habe einen Spielplan erstellt mit meinem Trainer. Es wird auch geschaut, dass ich genügend Pausen habe. Ich brauche bei den Frauen mindestens 6 Spiele, damit ich Playoffs spielen darf.

 

 

Ist Amerika ein Traum?

Ich finde es eine unglaubliche Möglichkeit, dass wir dort auf einem solchen Niveau Hockey spielen können. Ob ich es dann wirklich mache, bin ich mir noch nicht sicher. Zuerst muss ich die Lehre abschliessen, dann werde ich weiter schauen. Ich habe schon Anfragen bekommen, denn die schauen frühzeitig und planen schon für 2021.

 

 

Hast du in Amerika bessere Möglichkeiten, dich weiterzuentwickeln und dich in der A-Nati zu etablieren?

Es ist alles sehr professionell. Es ist alles organisiert, man wird als richtige Hockeyspielerin angeschaut. Das Niveau ist gut.

 

 

USA und Canada dominieren das Frauenhockey. Ist das schlecht fürs Hockey?

Schlecht nicht, jedoch nimmt dies ein wenig die Spannung. USA und Canada haben so viele Hockeyspielerinnen, dort ist es ein viel grösserer Konkurrenzkampf.

 

 

Wie sind Spiele gegen USA und Canada?

Man merkt, dass man sich in vielen Dingen noch verbessern kann. Man sieht wie hoch die Latte ist, wenn du zu den Besten der Welt gehören möchtest. Es ist ein grossartiges Erlebnis und man kann viel lernen. Es gibt einen Push, um mehr zu machen. 

 

      

«BEI OLYMPIA 2022 WERDEN WIR ABRÄUMEN»

 

 

An der WM 2012 und bei Olympia 2014 gab es Bronze. In den letzten Jahren hat der Exploit gefehlt, aber zu den Top 8 der Welt zu gehören ist auch ein Erfolg, oder?

Zu den Top 8 gehören ist nicht schlecht. Aber unsere Ziele sind immer höher. Wir wollen besser werden, damit wir mit den Besten mitspielen können. Wenn jeder von unserem Team hart arbeitet, können wir das erreichen. 

 

 

Mit dem Trainerwechsel und den jungen Spielern kam frischer Wind. Förderung im Hinblick auf Olympia 2022?

(schmunzelt) Ja, damit wir dort abräumen können.

 

 

Ist das schon ein Thema?

Beim Team reden wir nicht darüber, aber im Hinterkopf ist das sicher bei jeder einzelnen vorhanden.

 

 

 

Hoffentlich wird Sinja Leemann weiterhin so erfolgreich sein, sowohl als Hockeyspielerin als auch in den anderen Bereichen ihres Lebens. Dann wird man ihren Namen ganz bestimmt noch viel hören und lesen.

 

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